Ein gedanklicher Schnitt.
Ich merkte, wie sich innerlich etwas veränderte. Die zähen Kilometer lagen hinter mir. Vor mir wartete ein neuer Abschnitt – und mit ihm die Hoffnung, dass der Weg wieder mehr von dem zeigt, was den Rheinburgenweg eigentlich ausmacht: Charakter, Landschaft, vielleicht auch wieder dieses Gefühl von Weite.
Kurz durchatmen. Rucksack richten. Weitergehen.
Kurz vor Bassenheim verließ ich bewusst den Rheinburgenweg und ging direkt durch den Ort. Ziel: ein Trinkwasserbrunnen und ein Supermarkt für ein kaltes, süßes Getränk.
Vorbei am Friedhof folgte ich der einzigen Hauptstraße Richtung Dorfkirche – und wurde positiv überrascht. Direkt hinter dem Bürgermeisterhaus befindet sich eine öffentliche, ausgesprochen saubere und gepflegte Toilettenanlage. Wirklich vorbildlich.
Der Trinkwasserbrunnen „Bassemer Bur“ hätte von dort noch einmal rund einen Kilometer Umweg bedeutet. Darauf verzichtete ich. Stattdessen setzte ich mich in einen kleinen Innenhof vor der Toilettenanlage und machte eine kurze Pause – inklusive „Camel up“.

„Camel up“ heißt: nicht nur Wasser nachfüllen, sondern so viel trinken, wie nur irgendwie möglich. Ich füllte meine Trinkblase mit etwa drei Litern und trank zusätzlich noch rund einen Liter direkt vor Ort. Dann ging es weiter die Mayener Straße hinauf Richtung Eisenbahnviadukt, wo ich wieder auf den Rheinburgenweg treffen würde.
An dieser Stelle: Danke an die Gemeinde Bassenheim. Genau solche Infrastruktur macht lange Wandertage deutlich angenehmer.
Direkt hinter dem Ortsausgang war ich kurz unsicher. Der Weg führte scheinbar mitten durch das Gelände eines Baustoffhandels. Falscher Abzweig? Nein. Es war tatsächlich der richtige Weg.
Kaum wieder im Wald, öffnete sich der Blick auf das Eisenbahnviadukt. Heute rollt dort kein Zug mehr über die Schienen. Stattdessen verläuft ein Radweg auf der alten Bahntrasse – still, fast unscheinbar, aber mit Charakter.
Hinter dem Viadukt sollte man sich allerdings nicht auf die ausgeschilderten „Quellen“ verlassen. Es gibt sie – aber sie dienen der Trinkwassergewinnung, vermutlich für Bassenheim, und sind nicht öffentlich zugänglich.

Etwa einen Kilometer weiter im Wald steht der Nachbau einer römischen Hütte. Nach einem kurzen Gespräch mit dem örtlichen Jagdpächter und einigen Begegnungen mit Spaziergängern war klar: Das ist definitiv kein geeigneter Spot zum Übernachten. Unabhängig davon hatte ich diesen Platz ohnehin von Anfang an ausgeschlossen.
Also weiter – vorbei an der KZ-Gedenkstätte „Eiserne Hand“, unter der A48 hindurch, bis nach Wolken. Dort ist die Beschilderung lückenhaft. Ich verpasste einen Abzweig, aber der Umweg hielt sich in Grenzen.
Dann wurde es endlich wieder interessant. Es ging in den Wald hinein und entlang des Belltalbachs hinunter Richtung Mosel. Zum ersten Mal an diesem Tag war ich nicht mehr auf Wirtschaftswegen unterwegs. Endlich ein Pfad, der sich nach Wandern anfühlte.
Doch dieser Abschnitt hat es in sich.
Man steigt von etwa 260 Höhenmetern hinab auf knapp 70 Meter – fast auf Moselniveau. Und direkt danach wartet der brutalste Gegenanstieg des gesamten Rheinburgenwegs: wieder hinauf auf rund 260 Meter. Luftlinie vielleicht 300 Meter. Tatsächliche Wegstrecke etwa 500 Meter. Steil. Direkt. Unbarmherzig. Auf halber Strecke kam mir ein Rentner entgegen, der sein eBike schob. Er fluchte über das Gefälle – ich kämpfte mich gerade bergauf, er bergab. Auf der Karte sah alles harmlos aus, erzählte er. Er sei geübt, habe den Warnungen anderer nicht geglaubt, die ihm von dieser Passage mit dem eBike abgeraten hatten.
Was er in diesem Moment noch nicht wusste: Sein Abstieg würde gleich noch anspruchsvoller werden. Zehn Zentimeter schmale, in Mauern gesetzte Stufen warteten weiter unten. Ich hatte sie bereits hinter mir.
Nach unserem kurzen Gespräch ging ich weiter. Und hoffte ehrlich, dass er sicher unten ankommt.
Ob er es geschafft hat, werde ich nie erfahren.
Die steilste Passage lag hinter mir, doch bis zur Moseltalbrücke der A61 zog sich der Weg noch ordentlich. Schritt für Schritt, ohne großes Spektakel. Rechts des Weges liegt die Gustav-Richter-Hütte. Der Blick ins Moseltal ist stark – weit, offen, beeindruckend. Der Haken: Die Autobahn verläuft gefühlt direkt davor. Der Lärm frisst einen Teil der Idylle einfach auf.
Durch die unmittelbare Nähe zum Rasthof war die Hütte entsprechend vermüllt. Und Nagetiere gab es dort auch. Zumindest eines hatte sein Ende in der Hütte gefunden. Kein Ort, an dem man länger bleiben möchte. Also nur ein kurzer Fotostopp, ein schneller Blick ins Internet – und dann ging es im Laufschritt weiter. Die Raststätte Moseltal schließt um 21:00 Uhr. Es war bereits 20:30 Uhr.
Punktlandung.
Drinnen besorgte ich mir zwei gekühlte Getränke, nutzte die Toiletten und füllte Wasser auf – diesmal wirklich alles, was ich an Behältern dabeihatte. Dank guter Vorbereitung wusste ich: Weiter vorne würden noch mehrere Schutzhütten und die Weilsbornquelle kommen. Im Notfall hätte ich dort Wasser nachfüllen können. Trotzdem fühlt es sich besser an, wenn die Vorräte voll sind.
Nach dem Lärm und der Hektik der Raststätte wurde es schlagartig ruhiger. Der Weg führte nun mitten hinein in die Weinberge, vorbei an den Reitanlagen des Distelberger Hofes. Trotz der Nähe zu Winningen war es überraschend still. Kein Müll, kaum Menschen, nur Reben und Abendlicht.
Erschöpft, aber zufrieden, erreichte ich kurz vor Sonnenuntergang den Aussichtspunkt Winningen mit der Domgartenhütte.
Das war der erste von drei möglichen Übernachtungsplätzen zwischen Andernach und weit hinter Koblenz. Gleichzeitig markiert dieser Abschnitt praktisch das Ende der fünften Etappe des Rheinburgenwegs, die wenige hundert Meter weiter offiziell in Winningen endet.

An der Hütte öffnete ich meine gekauften Zuckerbomben aus dem Rasthof und gönnte mir mein Abendessen: Kartoffelpüree mit Klößen. Kein Sterne-Menü – aber nach so einem Tag genau richtig.
Mit Einbruch der Dunkelheit wurde es spürbar still. Hinter der Hütte liegt zwar die Einflugschneise des Flughafens Koblenz/Winningen, doch es blieb überschaubar: zwei kleine Propellermaschinen, ein lauter Polizeihubschrauber, ein ebenso lauter Rettungshubschrauber. Danach Ruhe.
Auch aus dem Moseltal war kaum etwas zu hören. Im Vergleich zum Rheintal ist es hier fast schon friedlich. Selbst die nahe Autobahn war nur noch ein fernes, gleichmäßiges Rauschen.
Ein langer Tag. Viel Strecke. Viel Kontrast. Und am Ende genau diese Stille, für die man losgeht.
Am Ende dieses Tages stand nicht nur eine weitere Etappe im Buch – sondern gleich ein persönlicher Rekord:
30,4 Kilometer am Stück.
Keine Aufteilung. Keine Abkürzung. Sogar noch zwei ungewollte Verlängerungen. Kein „morgen mache ich den Rest“. Ein Tag, eine Strecke, komplett durchgezogen.
Nach den endlosen Feldwegen, dem brutalen Anstieg aus dem Moseltal und den letzten Kilometern durch die Weinberge war das kein lockerer Spaziergang mehr. Die Beine waren schwer, die Schultern müde, der Kopf irgendwann einfach nur noch im Tunnel.
Aber genau das macht es am Ende aus.
30,4 Kilometer sind nur eine Zahl. Doch dahinter stecken Hitze, Höhenmeter, Zweifel, Durchhalten – und der Moment, in dem man merkt: Es geht weiter, auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt.
Ein Tag, der definitiv hängen bleibt und hängen geblieben ist.